Scheibenberg - Die Stadtgeschichte

Die Besiedelung des Erzgebirgskamms

Wir schreiben das Jahr 1470 und es tönt die Kunde von mächtigen Silberfunden durch das Land. Unerhörter Silbersegen tat sich auf. Ein fieberhaftes Schürfen nach Silbererzen setzte im Gebirge ein. Das große Berggeschrei, dass von Schneeberg anhub trug eine zweite Siedlerwelle herauf ins Gebirge. Von allen Seiten eilten die Knappen herbei. Um die reichen Fundstellen ballten sich die Menschen zusammen.

Neue Bergstädte krönten den Kamm des Erzgebirges. So entstanden 1422 Schneeberg, 1496 Annaberg, 1501 Buchholz, 1516 Joachimsthal (heute Jáchimov in Tschechien), 1521 Marienberg, 1527 Wiesenthal, 1532 Platten und Gottesgab (heute Horní Blatná und Bozí Dar auch im benachbarten Tschechien).

Die Gründung der Bergstadt Scheibenberg

Aber auch am 807 m hohen Scheibenberg, der in der Tertiärzeit entstand, wurde bereits 1478 die Zeche "Maria Magdalena" vom Dorfe Scheibe aus betrieben, wo schon auf dem "Vater Abraham" eifrig geschürft wurde.
Erst mit dem Fundgrübner Kaspar Klinger aus Elterlein blühte der Silberbergbau am Scheibenberg auf. Am Montag, dem 1. September 1515, trug ihm der Bergmeister der Grafen von Schönburg, Hans Hünerkopf in Elterlein, eine Fundgrube als Erbstollen gerichtlich ein. Ein Jahr später berichtete Matthes Busch, der Bergvogt von Buhholz, dem Kurfürsten, dass am Scheibenberg gegraben werde und dass der Bergmeister Hünerkopf dem Fundgrübner Klinger die Grube ganz oder zum Teil wieder genommen habe. Am 13. Februar 1517 schrieb Ernst von Schönburg an seinen Landesherren Herzog von Sachsen, dass er den alten Stollen wieder belegen lassen wolle. Der Herzog empfahl zu warten, bis der Schnee weg wäre. Klinger fand im Scheibenberger Waldgelände neue Silberadern, so dass sich der Silberbergbau recht gut anließ. 1517 nannten die Bergleute den Berg "Silberberg". Zahlreiche Bergleute eilten herbei. Sie fanden in den fünf vor dem Schlettauer Wald errichteten Waldhäusern (Brünlas) nur notdürftig Unterkunft. Auch das Dorf Scheibe war bald überbevölkert. Da viele Bergleute keine Wohnung fanden, wanderten sie nach dem 1516 gegründeten Joachimstahl wieder ab. Um nicht noch weitere Arbeitskräfte zu verlieren, entschlossen sich die Grundherren, die Brüder Wolf und Ernst von Schönburg, zur Gründung einer neuen Stadt.

Neid und Streit verzögerten allerdings das Vorhaben um einige Zeit, denn es gingen der Gründung allerlei machtpolitische Auseinandersetzungen zwischen dem Grünhainer Abt und den Grafen von Schönburg voraus. Mit Neid blickte der Abt des Klosters Grünhain auf das wertvolle benachbarte Waldgelände. Da die Grenzen nicht genau fest lagen, hätte er das Gebiet gern selbst besessen. Wie schön wäre es gewesen, den Bergsegen selbst in die Hand zu bekommen und selbst eine Stadt zu gründen! Darum entspann sich ein lang anhaltender Grenzstreit. Der Kurfürst als Schirm- und Schutzherr des Klosters sollte ihm zu dem Scheibenberger Gelände verhelfen. Dieser beauftragte deshalb seinen Bergvogt Matthes Busch in Buchholz, alles, was sich am Scheibenberg ereignete und was die Grafen von Schönburg dort unternahmen, zu berichten. Busch erledigte sich seines Auftrages mit Eifer und wurde dabei zum Lügner und Quertreiber. Am 20.01.1522 meldete er seinem Herren, dass Herzog Heinrich von Sachsen und Ernst von Schönburg in Crottendorf mit dem Förster Leges die Holzlieferungen zum Bau einer neuen Stadt berieten. Trotz aller Versuche, der Herrschaft Schönburg das Scheibenberger Gebiet streitig zu machen, erließen die Grafen von Schönburg am 04.05.1522 durch ihren getreuen Michel Zechendorfer in Elterlein einen öffentlichen Aufruf zur Stadtgründung am Scheibenberg, und bereits am 19.05.1522 ließen sie die "Artikel und Freiheiten ufm Scheibenberg" ausrufen. Sie gewährten den neuen Stadtbewohnern 10 Jahre zinsfreies Wohnen, freies Bauholz, Räume zu Äckern und Wiesen, Viehtriften für das Gemeinwesen, freies Schachtholz für die Gewerken. Jeder Ansiedler durfte Wein einlegen und um Geld verschänken, und die Ansässigen konnten nach Vermögen mälzen und brauen.

Aufbau der Stadt

Der Aufbau der Stadt erfolgte planmäßig, und noch heute beweist unser Marktplatz mit einer Größe von 75 x 75 m und das gitterförmig angelegte Straßennetz, dass man systematisch vorgegangen ist. Es wurden etwa 130 Häuser erbaut, die alle Fachwerkbauten waren, mit Kleiber ausgefüllt und schwarz - weiß gestrichen. Ihren Namen erhielt die Stadt nach ihrer Lage am Scheibenberg, sie wurde damals "Scheybenberg" geschrieben, später auch als "Scheubenbergk" erwähnt.

Das Stadtwappen bzw. Stadtsiegel, das mit Stadtrecht erhielt, bekam Scheibenberg 1530 und ist in seiner Form bis heute erhalten geblieben. Das Scheibenberger Stadtwappen (gehen Sie mit der Maus auf die Wappen und Sie bekommen Infos dazu). Geteilt von Silber über Rot, oben zwei natürliche Fichten, unten gekreuzt silberne Schlegel und Eisen, belegt mit einer silbernen Scheibe, darin ein aufgerichteter roter Greif. Außerdem führt Scheibenberg ein großes Wappen mit zwei Bergknappen als Schildhalter.

Der Silberbergbau Scheibenbergs war Anfangs nicht unbedeutend. Aber bereits 1543 klagten die Scheibenberger über Rückgang des Bergbaus und baten die Herrschaft um Zubuße. Von nun an erforderte der Bergbau Opfer. 1568 teilte man deshalb die Heide, die Ernst von Schönburg am 8.01.1534 der Stadt geschenkt hatte, zu Räumen aus und löste 204 Gulden. 1596 wurden wegen des stetigen Rückgangs des Bergbaues die Gruben ganz aufgegeben und man las nur noch die Halden nach. Erneute Versuche in den alten Gruben blieben erfolglos und brachte der Gemeinde nur Schulden. Versuche in den Jahren 1652/53, den Bergbau wieder in Gang zu bringen, misslangen. 1696 lieferte das Scheibenberger Bergamt 4661 Fuder Eisenstein und 1782 gewann das Revier 669 Mark 6 Lot Silber. Eine Mark entsprach 234g.

Nach 1834/35 baute man am Elterleiner Weg ein neues Pochwerk. Das Bergamt befand sich im Haus des Bäckermeisters Springer am Markt. Die Bergamtstage fanden im Rathaus statt. 1850 wurde das Scheibenberger Bergamt mit dem Annaberger vereint. Am 22. Juni 1868 beging die bis Johanngeorgenstadt reichende Bezirksknappschaft ihr letztes Bergfest in Scheibenberg.

Wie in allen Bergstädten trat neben etwas Ackerbau eine nicht unbedeutende Viehzucht. Am 1. Mai begann der Gemeindehirte, das Vieh auf die Weide zu treiben. Bis 300 Stück Vieh hatte der Hirt zu betreuen. Um 1880 wurde die allgemeine Viehweide aufgegeben, und 1904 verkaufte die Stadt die Viehtrift.

Das nachlassen des Bergsegens zwang die Bewohner, andere nutzbringende Arbeit zu suchen. Der Lohn der Bergknappen war karg. Oft fielen Zechen aus und Väter wurden brotlos. In den Bergstädten suchten deshalb genug Frauen und Mädchen lohnenden Nebenverdienst, um mit dem Fleiß ihrer Hände den spärlichen Arbeitsverdienst der Männer wenn nur um Groschen vermehren zu helfen. Diesen fanden sie im Spitzen klöppeln. 1667 klöppelten hier 46 Personen. Sie hatten monatlich einen Groschen Abgabe zu zahlen. Der Spitzenhandel entwickelte sich zu einem guten Geschäft und erlangte einen gewissen Ruf. Die Spitzen- und Handelsherren wohnten meist am Markt und an der Hauptstraße, die deshalb Herrenstraße hieß. An den Wohlstand dieser Herren erinnern heute noch alte Bürgerhäuser mit reichen Stuckdecken und Kreutzgewölben. So erbaute Christian Ernst Coith am Markt das prächtige Haus mit herrlichen Stuckdecken, Kreutzgewölben und stattlichem Portale ganz in Barockstil. Das Familienwappen (H,Au.C doppelt ineinander verschlungen) mit Krone und Jahreszahl 1743 erinnert an den Erbauer des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes. Seit 1825 beherbergt es die Adler - Apotheke.

Mit der Zeit kamen auch andere Gewerbe nach Scheibenberg. 1617 wird Esaias Weidlich als erster Posamentierer genannt. Wegen ihres Glaubens aus Joachimsthal vertriebene Posamentierer ließen sich 1650 hier nieder. Sie wandten sich 1666 mit einer Bittschrift an den Kurfürsten und erhielten zwei Jahre Später ihre Innungsstatuten bestätigt. Nach und nach wurde die ehemalige Bergstadt zur Bortenstadt. 1884 gab es 141 Meister, 21 Gesellen und 17 Lehrlinge.

Die Nagelschmiederei gehört zu den bodenständigen Erwerbszweigen des Erzgebirges. In Scheibenberg werden die Nagelschmiede bereits 1632 genannt. Sie bilden eine lange Zeit ein Hauptgewerbe unserer Stadt mit 50 Meistern und 20 Werkstätten. Sie bezogen ihren Rohstoff von den alten Eisenhämmern und fuhren mit Schiebböcken bis in die Leipziger Gegend hausieren. Kein Ereignis hat das wirtschaftliche Gesicht unserer Heimat mehr umgestaltet wie der Einzug der Maschine in den Wirtschaftsbetrieb. Die einfuhr gegossener und mit der Maschine geschnittener Nägel und schließlich die Errichtung von Nagelfabriken machten dieses Gewerbe uneinträglich. Die Nagelschmiede waren daher gegen die Fabriken und Maschinen sehr erbittert, denn sie sahen ihr Handwerk bedroht. Die Erbitterung ging so weit, dass im März des Revolutionsjahres 1848 die erzgebirgischen Nagelschmiede die Nagelfabrik im nahen Mittweida zerstörten. Unsere Scheibenberger halfen auch dabei. Einige büßten diese Tat mit längeren Zuchthausstrafen. Die alteingesessene Nagelschmiederei kam allmählich zum Erliegen.

Die Industrie zog 1814 mit einer Tonofen- und Tongefäßfabrik am Berge ein. Daraus entwickelte sich 1818 eine Papiermache - Fabrik, die sogar nach Übersee lieferte. 1851 errichtete Eduart Arendt eine Zündholzfabrik, und 1890 verlegte Richard Otto aus Markneukirchen seine Darmsaitenfabrik in diese Räume.

Die Posamentenindustrie beherrschte lange Zeit das Wirtschaftsleben Scheibenbergs, denn nach dem Erliegen des Bergbaus wandten sich viele Männer diesem Gewerbe zu. Ihm brachte die Aufstellung neuzeitlicher Maschinen im vorigem Jahrhundert neuen Aufschwung. Die älteste Posamentenfabrik Renkert & Schnörr wurde bereits 1786 gegründet.

Bekanntlich herrschte 1842/43 bittere Not im Erzgebirge. Es gab zahlreiche Arbeitslose. Dies veranlasste den aus Leipzig stammenden Karl August Traugott Gräfe, die Zigarrenmacherei nach Scheibenberg zu bringen. Bald fanden über 100 Einwohner in diesem neuen Gewerbe Arbeit und Brot. Bis nach dem ersten Weltkrieg nahm die Zigarrenmacherei beachtlichen Anteil am Wirtschaftsleben unserer Stadt.

1891 errichtete Max Böhme am Bahnhof eine Metall und Lackierwarenfabrik. In diesen Gebäuden arbeitete später der größte Betrieb Scheibenbergs, die Kotflügelfabrik Oskar Göthel und Co.
(heute Vollmann (Sachsen) GmbH & Co. Kg). Auch mehrere andere Unternehmen stellten Metallwahren her.